Warum gibt es Propaganda?

Im folgenden Blockquote eine nicht autorisierte Übersetzung aus Jacques Ellul, “Propaganda – the Formation of Men’s Attitudes”, New York, 1965, 1973 in englischer Übersetzung des französischen Originals, Seiten 105 (u.) – 108 (0.).

Fußnoten wurden weggelassen. Inhaltliche Irrtümer beim Übersetzen sowie Typos sind jederzeit möglich.

Ich stelle meine auszugsweise Übersetzung hier unter der Annahme ein, dass sie unter “fair use” fällt, was auf der FC-Plattform möglicherweise nicht der Fall wäre.

Man muss auch im Auge behalten, dass Propaganda sich auf die dichteste Masse konzentrieren muss – sie muss organisiert werden für die enorme Masse Einzelner. Diese große Mehrheit findet sich nicht unter den Reichen oder sehr Armen; Propaganda wird also für die gemacht, die einen bestimmten Lebensstandard erreicht haben. In westlichen Ländern wendet sich Propaganda an den Durchschnittsmenschen, der alleine eine wirkliche Kraft repräsentiert. Aber, man könnte sagen, in den sehr armen Ländern wie Indien oder den arabischen Nationen wendet sich Propaganda an eine andere Masse, an die sehr Armen, die fellahin. Nun, der Punkt ist der, dass diese Armen nur sehr geringfügig und langsam auf irgendeine Propaganda reagieren, die nicht Agitationspropaganda ist. Die Studenten und Händler reagieren – nicht die Armen. Dies erklärt die Schwäche von Propaganda in Indien und Ägypten. Denn wenn Propaganda wirkungsvoll sein soll, muss der Propagandisierte einen bestimmten Vorrat an Ideen und eine Anzahl konditionierter Reflexe haben. Diese werden nur mit etwas Wohlstand erworben, mit etwas Erziehung, und der inneren Ruhe, die aus relativer Sicherheit erwächst.

Im Gegensatz dazu kommen alle Propagandisten aus der oberen Mittelklasse, ob sowjetisch, nazi, japanisch oder amerikanische Propaganda. Die reiche und sehr gebildete Klasse stellt keine Propagandisten zur Verfügung, weil sie fern vom Volk ist und es nicht gut genug versteht, um es zu beeinflussen. Die untere Klasse kann keine zur Verfügung stellen, weil ihre Mitglieder selten die Möglichkeiten haben, sich selbst auszubilden  (selbst in der UdSSR); und wichtiger, sie können nicht ein paar Schritte zurücktreten und sich ihre Klasse mit der Perspektive ansehen, die erforderlich ist, wenn man Symbole für sie konstruieren will. Daher zeigen Studien, dass die meisten propagandisten aus der Mittelklasse rekrutiert werden.

Die Bandbreite propagandistischen Einflusses ist größer und umfasst auch die untere Mittelklasse und die obere Arbeiterklasse. Aber damit, dass man den Lebensstandard erhöht, immunisiert man niemanden gegen Propaganda – im Gegenteil. Natürlich, wenn jeder sich auf dem Level der unteren Mittelklasse befände, hätte die heutige propaganda vielleicht weniger Erfolgsaussichten. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass der Aufstieg zu diesem Level allmählich erfolgt, macht der steigende Lebensstandard – im Westen, wie auch im Osten und in Afrika, die kommenden Generationen empfänglicher für Propaganda. Letztere etabliert ihren Einfluss, während Arbeitsbedingungen, Ernährung und Wohnbedingungen sich verbessern und während gleichzeitig ein gewisse Standardisierung der Menschen einsetzt, ihre Umformung zu dem, was man als normale, typische Leute betrachtet. Aber während das Aufkommen eines solchen [106] “normalen” Typs einmal automatisch und spontan war, wird es nun immer mehr zu einer systematischen Schöpfung, bewusst, geplant und beabsichtigt. Die technischen Aspekte der menschlichen Arbeit, ein klares Konzept sozialer Beziehungen und nationaler Ziele, die Errichtung einer Form üblichen Lebens – das alles führt zur Schöpfung eines Typs normaler Menschen und führt alle Menschen in geeigneter Weise, auf einer Vielzahl von Wegen, hin zu dieser Norm.

Darum wird Anpassung zu einem der Schlüsselworte allen psychologischen Einflusses. Ob es sich nun um eine Frage der Anpassung an Arbeitsbedingungen, des Konsums oder eines Milieus handelt – eine klare und bewusste Absicht, Menschen in das “normale” Muster zu integrieren, herrscht überall vor. Dies ist der Gipfel propagandistischen Handelns. Zum Beispiel besteht kein großer Unterschied zwischen Maos Theorie der “Gussform” und dem McCarthyismus. In beiden Fällen ist Normalität das Ziel, in Übereinstimmung mit einer bestimmten Lebensweise. Für Mao ist Normalität eine Art idealen Menschens, der Prototyp des Kommunisten, der geformt werden muss, und dies kann nur damit getan werden, dass der Einzelne in eine Form gepresst wird, in der er die gewünschte Form annehmen wird. Da das nicht über Nacht passieren kann, muss der Einzelne wieder und wieder in die Form gepresst werden, und Mao sagt, dass es dem Einzelnen selbst völlig bewusst ist, dass er sich dieser Operation aussetzen muss.

Auf der anderen Seite und mit anderen Formeln gibt es den McCarthyismus. Der McCarthyismus ist kein Zufall. Er drückt eine tiefe Strömung in der amerikanischen Meinung gegen alles “Unamerikanische” aus und beutet sie gleichzeitig aus. Er beschäftigt sich weniger mit Meinungen als mit einer Lebensweise. Herauszufinden, dass die Zugehörigkeit zu einem Milieu, einer Gruppe oder einer Familie, in der es Kommunisten gibt, als verwerflich gilt, überrascht, denn hier sind nicht Ideen, sondern eine abweichende Lebensweise von Bedeutung. Dies führt in der Literatur zu unamerikanischen Aktivitäten zur Assoziation von Alkoholismus oder Homosexualität mit Kommunismus, und zu den Regeln, bekanntgemacht 1952, die das “Risiko geringer Sicherheit” aufstellte und zur Rasterung von 7.000 Funktionären führte. Es gab für diese Ermittlung keinen anderen Grund als den, dass der Kommunist “anormal” ist, weil er nicht das “normale” akzeptiert – also den amerikanischen way of life. Diese “anormale” Person muss natürlich als solche behandelt, aller Verantwortlichkeiten enthoben und umerzogen werden. Daher wurden amerikanische Gefangene im Koreakrieg, die mit Kommunismus kontaminiert zu sein schienen, nach ihrer Freilassung in Krankenhäuser verlegt und psychiatrisch und medizinisch in einem Krankenhaus in Valley Forge behandelt. In der derzeitigen amerikanischen Meinung werden alle Anstrengungen, das, was dem amerikanischen Way of Life nicht entspricht und ihn gefährdet [zu bekämpfen], notwendigerweise als gute Werke betrachtet.

Zusammenfassend: Die Schaffung von Normalität in unserer Gesellschaft kann eine von zwei Formen annehmen. Sie kann das Ergebnis wissenschaftlicher, psychosozialer Analyse sein, die auf Statistiken beruht – das ist die amerikanische Art der Normalität. Sie kann auch ideologisch und doktrinär sein – das ist der kommunistische Typ. Aber die Ergebnisse sind identisch: solche Normalität führt notwendigerweise zu Propaganda, die den Einzelnen auf das Muster reduzieren kann, das der Gesellschaft am nützlichsten ist.

Eine PDF-Datei der englischsprachigen Vorlage findet sich »dort und enthält auch die hier übersetzten Seiten 105 – 108.

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