Archive: Interview with Wang Fengbo, German Translation

An interview, January 2012, originally in English

Fengbo Wang kam 1991 nach Deutschland, studierte Politikwissenschaften in Maihz und war Herausgeber einer Vorläuferzeitung der European Chinese Post, eine Zeitung für Überseechinesen. Im folgenden Interview beschreibt Wang die Publikation als eine Dissidentenzeitung – eine Beschreibung, die zuzutreffen scheint. 1989 hatte er [nach dem blutigen Ende der Tian-An-Men-Proteste] Berge von Leichen in einem Krankenhaus gesehen, erklärte er 2011 einem EPD-Reporter. “Wer diese Szene erlebt hat, kann gar nicht anders, als für die Demokratiebewegung zu sein”, fügte er hinzu.

Von 2002 bis Dezember 2010 arbeitete Wang für die China-Redaktion der Deutschen Welle. Er und drei weitere Kolleginnen und Kollegen verloren ihre Arbeitsplätze bzw. freiberuflichen Verträge, nachdem diese nicht verlängert wurden. Im April letzten Jahres veröffentlichte die Neue Rheinische Zeitung einen offenen Brief der vier and den Deutschen Bundestag und den Rundfunkrat der Deutschen Welle. Ihrem offenen Brief zufolge gab die Deutsche Welle zunächst Budgetkürzungen als Grund für die Vertragsbeendigungen an, fügte aber später weitere Gründe an. Außerdem wurden die Entlassenen dem offenen Brief zufolge mit “jüngeren, unerfahrenen Journalisten” besetzt. Die Budgetkürzungen, ursprünglich als Gründe für die Entscheidungen der Deutschen Welle genannt, hatten sich als unwahr herausgestellt, und der offene Brief sieht die vier als “verspätete Opfer einer “Kampagne” gegen Zhang Danhong, der früheren stellvertretenden Leiterin der China-Redaktion, die 2008 in die Kritik geraten war.

Dieses Inteview hilft vielleicht, etwas Licht auf die Ereignisse seit der “Zhang-Danhong”-Affäre zu werfen, oder einen entsprechenden Ablauf zu starten. Informationen sind bis heute spärlich; allerdings bestätigte ein Mitglied des Personalrats der Welle dass der offene Brief die Vorgänge in der Redaktion korrekt wiedergegeben habe, auch wenn er “mit einigen Formulierungen über das Ziel hinausgeschossen” sei.

- JR

____________________


Q: Wie lange arbeiteten Sie für die China-Redaktion der DW? Waren Sie freier Mitarbeiter, oder hatten Sie einen festen Arbeitsvertrag?

A: Im Jahr 2001 fing ich an, für ein Projekt der Deutsche Welle (DW) als Freier Mitarbeiter zu arbeiten. Beginnend ab 2002 und bis Mai 2007 arbeitete ich dort als so ein genannter Fest-Freier Redakteur mit einem Honorarrahmenvertrag bei der chinesischen Online-Redaktion der DW. In meiner Funktion und Verantwortung gab es keinen Unterschied zwischen mir und Kollegen mit einem unbefristeten Vertrag. Nach der Definition durch den damaligen Direktor des gesamten Online-Bereich war ich eine der “Kern-Arbeitskräfte” des Teams. Von Mai 2007 bis 31. Dezember 2010 war ich ein Redakteur mit Festanstellung. Leider wurde dieser Arbeitsvertrag zunächst bis 31. Dezember 2010 befristet. Bei meinem aktuellen Rechtsstreit mit DW geht es  darum, ob diese Befristung rechtens ist.

Q: Wie sah ein normaler Arbeitstag aus? Was gehörte dazu?

A: Meine Karriere bei DW war deutlich in zwei Phasen unterteilt, und es mag wie schwarzer Humor klingen, wenn ich sage, dass die Olympischen Spiele 2008 in Peking die Trennlinie bilden. Für die meisten Mitarbeiter der chinesischen Abteilung der  Deutschen Welle war dieses Event der Beginn eines Alptraums, der heute noch andauert.

In der Zeit vor Dezember 2008 war ich Redakteur der chinesischen Online Redaktion, und meine tägliche Arbeit war genau die gleichen wie die meisten Redakteure in einer freien westlichen Presse. Die tägliche Routine sah  zwei wichtige Rollen für mich vor: als Chef vom Dienst und als normaler Redakteur oder Reporter. Als  Chef vom Dienst hatte ich die Verantwortung, den täglichen Arbeitsplan (Agenda Setting) zu erarbeiten, z.B. die Themen des Tages, die personelle Umsetzung der festgelegten Themen.

Für den Chef vom Dienst endete ein typischer Arbeitstag damit, dass die geplanten Themen abgedeckt waren und die Homepage aktualisiert wurde. Insgesamt gab es vier oder fünf Kollegen, die zu den “Kern-Arbeitskräften” des chinesischen Online-Team gehörten, und sie wechselten sich wöchentlich als Chef vom Dienst ab. In den Wochen, in denen ich nicht als Chef vom Dienst arbeitete, machte ich Recherchen zu an mich vergebenen Themen, führte Interviews und schrieb meine Artikel. Die fertig geschriebenen Artikel stellte ich unmittelbar über das Content-Management-System online. Das chinesische Online-Team war klein, aber die Themen der Berichterstattung waren umfassend. Aktuelles Weltgeschehen, Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport gehörten zum Standardangebot. Unser journalistisches Angebot ist in chinesischer Sprache, und im Falle, dass unsere Expertise in Fragen im Zusammenhang mit China von unseren Kollegen der anderen Sprach-Teams nachgefragt wurde, schrieben wir auch auf Deutsch oder Englisch.

Ab Dezember 2008, mit der Versetzung Matthias von Heins, des Leiters der chinesischen Radio-Programms der DW, als Folge der sogenannten “Zhang Danhong-Affäre“, began das Online-Team früher als geplant mit dem Radio-Programm gemeinsam unter einem Dach zu arbeiten. Dieser Zusammenschluss der täglichen Arbeit kam viel früher als ursprünglich geplant, obwohl die Zusammenlegung selbst bereits im Gange war. Seit 2007 hatte die Deutsche Welle versucht, durch eine Strukturreform den traditionell Radio-basierten Sender in eine Internet-basierte, multimediale Plattform umzuwandeln. Die Reform begann mit den deutschen und englischen Sprachprogrammen, und die anderen Programmen – etwa 30 verschiedene Sprachen – sollen dann zu unterschiedlichen Zeiten folgen. Die Tatsache, dass die Reform die Onliner und Radio-Leute in eine Wettbewerbssituation stellte, ist nicht belanglos, wie die Vorgänge in dem chinesischen Programm gezeigt haben.

Von Ende Dezember 2008 bis Dezember 2009 fungierte die Leiterin der asiatischen Radio-Hauptabteilung, Frau Golte, als kommissarische Leiterin des fusionierten chinesischen Programms. Ab dem ersten Tag nach der Zusammenlegung, wurde ich stillschweigend aus den Routine-Aufgaben eines normalen Redakteurs ausgeschlossen. Für mehrere Monanten durfte ich nur die Homepage  layouten. Obwohl später ich hauptsächlich deutschsprachige Radio-Manuskripte von dem Zentral-Programm adaptieren durfte, wurde ich zusammen mit allen anderen Kollegen aus dem früheren Online-Team weiter an den Rand gedrängt. Wir durften z.B. keine Aufgaben wie Themen-Planung oder Schlussredaktion übernehmen. Faktisch verloren ich und andere ehemalige Online-Kollegen die Identität autonomer Journalisten, denn bei Themengestaltung redeten wir nicht mit, und unsere Artikel erschienen, wenn überhaupt, nur nach Abnahme durch den Schlussredakteur, der unter dem offiziellen Vorwand der Qualitätssicherung, oft einen ganzen Text oder Passagen bzw. Sätze hinauswarf. Dabei war offenbar die “politische Korrektheit” entscheidend. Allerdings würden die DW-Funktionäre nicht gern zugeben, dass diese Praxis existierte.

Im Dezember 2009 übernahm Frau Woltersdorf die Verantwortung für das chinesische Programm. Sie brachte in der Tat einige Veränderungen. Ungefähr ab April oder Mai 2009 wurde uns ehemaligen Online-Redakteuren erlaubt, an der Themenplanung teilzunehmen und die Rolle des Schlussredakteurs zu übernehmen.

Seitdem sah ein normaler Arbeitstag in der Regel so aus:  Morgens trägt jeder Redakteur bei einer halbstündigen Redaktionskonferenz vor, was er oder sie aus den Webseiten der  Konkurrenten wie VOA, BBC, Radio France oder Radio Free Asia herausgelesen hat. Dieses  “Medien-Scanning” soll Ideen und Anregungen zur eigenen Themenplanung geben. Der Themen-Planer der Woche hat das letzte Wort in Bezug darauf, welche Themen abgedeckt werden sollen und welche Themen dann an wen vergeben werden.

Gegenwärtig hat das chinesisches Programm täglich eine einstündige Kurzwellensendung. Ein Redakteur erarbeitet zunächst für ein Thema ein Radio-Manuskript für eine Länge von ca. 3 bis maximal 5 Minuten. Im einem Radio-Manuskript ist typischerweiser ein “gebauter Beitrag”, der einen aus einem meistens telefonisch geführten Kurzinterview geschnittenen Original-Soundtrack beinhaltet. Theoretisch sollten dann diese Manuskripte für die Online-Veröffentlichung umgeschrieben werden, praktisch aber  unterscheiden sich die Texte in den Seiten des chinesischen Programms kaum von einem Radio-Manuskript. Bis heute ist ein großer Teil der nicht-chinaverwandten Themen eine Adaption der Texte aus der zentralen Redaktion der DW.

Q: Sie sagten, die Radio- und Online-Dienste seien durch ihre Zusammenlegung in eine Wettbewerbssituation gekommen. Heißt das, dass es Wettbewerb zwischen den Redakteuren gab, da es nach der Zusammenlegung weniger Bedarf an Mitarbeitern geben würde?

A: Die Idee der Reform war, DW von einem Kurzwellensender zu einer internetbasierten Multimedia-Plattform zu führen. Die Tatsache, dass die Mehrheit der DW-Journalisten Hörfunk-Journalisten sind, gab Anlaß zur Spekulationen darüber, wer die zusammengeführten Teams dominieren würde, Online vor Radio oder anders herum? Um die Ängste und Gerüchte auszuräumen, hat das DW-Management offiziell zugesichert, dass die Fusion keinen  Stellenabbau bedeuten solle. Im Jahr 2007 gingen zwei Mitarbeiter aus der chinesischen Radioabteilung mit zwei dicken Ordnern zum Programmdirektor, also mit Dokumenten, die sie  heimlich für etwa ein halbes Jahr vorbereitet hatten und  die dem Online-Team Urheberrechtsverletzungen nachweisen sollten. Es kann einige kleinere Fehler in Bezug auf der Quellenangabe gegeben haben, aber die Beschuldigung wurde übertrieben, denn viele ihre Befunde waren Artikel, die ausgerechenet von ihren eigenen Kollegen der chinesischen Radioabteilung verfasst wurden.  Auch wenn Fehler dieser Art existierten, hätten sie zuerst direkt mit dem Online-Team unverzüglich besprochen werden sollen, aber sie hielten ihre Aufzeichnungen solcher “Fehler” für etwa ein halbes Jahr geheim.

 Q: Hristina Krasteva beschrieb in einer Arbeit über die Deutsche Welle im Jahr 2007 verschiedene “Typen” von Konzepten die Journalisten bei der Deutschen Welle hatten. Auf Seite 96 und 97 versucht sie, eine Typologie zu entwickeln. Ist Ihre Herangehensweise darin mit enthalten, oder wie würden Sie Ihr eigenes Arbeitsverständnis beschreiben?

A: Ich glaube, dass das in diesem Papier ausgedrückte Selbstverständnis mehr eine ideale Typologie als eine Beschreibung der realen Welt darstellt. Ich würde sagen, mein Ansatz war eher eine Mischung aus diesen Typen. Ich denke, gewisse journalistische professionelle Standards gelten für alle diese Typen. Ich meine, die DW-Journalisten können Ihr Rollenverständnis so definieren, dass sie sich selbst als Demokratie-Promoter, oder als Mittler zwischen den Kulturen, oder als alternative Stimme, oder nur als Informationsvermittler sehen. Das alles ist gut und schön. Aber in der Wahrnehmung all dieser Rollen muss man in einer professionellen Art und Weise vorgehen, d.h. mit journalistischer Sorgfalt, Objektivität, Ausgewogenheit. Man muss beachten, dass ein Journalist eine andere Rolle zu spielen hat als zum Beispiel ein Mitglied einer Menschenrechtsorganisation. Und im Allgemeinen, würde ich sagen, auch wenn man ein überzeugter Fan von Advocacy-Journalismus ist, sollte man wissen, dass das Ziel nicht zu erreichen ist, wenn man vor seinen Lesern oder Zuhörern als moralischer  Prediger oder gar als politischer Retter auftritt.

Die Deutsche Welle hat seit dem Ende des Kalten Krieges Schwierigkeiten bei der Definition ihrer Alleinstellungsmerkmale. Bis heute gibt es noch große Kontroversen unter den Journalisten der Deutschen Welle, welche Zielhörer oder Internetnutzer sie bedienen sollen. Die in dem  Krasteva-Papier  vorgetragenen journalistischen Selbst-Identitäten, z. B. Demokratie-Promoter, Vermittler zwischen den Kulturen, Anbieter von alternativen Stimmen usw. sind mehr Wunschdenken und theoretische Konzepte als eine Beschreibung der Realität. Das deutsche Programm der Deutschen Welle zum Beispiel ist immer noch nicht in der Lage, eine befriedigende Antwort auf die Frage zu geben, warum Auslandsdeutsche sich im Zeitalter von Internet und Globalisierung für Radiosendungen oder Internet-Inhalte der DW interessieren sollten, wenn Angebote von ARD, ZDF oder Spiegel in  jeder Ecke der ganzen Welt nur einen Mausklick weit entfernt sind. Die Dinge werden noch komplizierter, wenn man die Demokratie im Iran, in Russland oder in China zu fördern versucht.

Auf der anderen Seite beschreibt die Typologie im Krasteva-Papier das Bedürfnis der Deutschen Welle und ihrer Journalisten, sich vor der breiten Öffentlichkeit so zu präsentieren, dass das rund 300-Millionen-Euro-Budget aus staatlichen Mitteln gerechtfertigt werden kann.

In einer Debatte über die Zukunft der Deutschen Welle im Jahr 2006 bezeichnete der damalige Bundeskulturminister Bernd Neumann die Deutsche Welle als “die Stimme von Deutschland als einem Land mit einer großen Kulturgeschichte und als einer der größten Exportnationen”. Es gibt hier eine gewisse Ähnlichkeit zu dem, was die chinesische Regierung über “soft power” zu definieren versucht. Aber die Deutsche Welle, mit ihrem politischen Vermächtnis und als Teil der erweiterten öffentlichen Diplomatie, kann das kaum leisten. Sie kann nicht nur ein Verkäufer von “soft power” sein. Die DW muss politisch sein. Das ist, zumindest meiner Meinung nach, der Grund dafür, dass sich die DW gern als “die Stimme der Menschenrechte”  bezeichnet, weil es hilft, ihren enormen Haushaltbedarf besser zu legitimieren.

Es ist recht einfach, eine Rolle als “Stimme der Menschenrechte” für sich zu reklamieren.  Wie aber sich auf eine effektive Weise über Menschenrechte zu äußern, das ist eine subtile Sache. Wenn ich all diese Aspekte berücksichtige, ziehe ich persönlich einen pluralistischen und ausgewogenen Ansatz vor.

Q: Mein persönlicher Eindruck von den Chinesischprogrammen der DW von den frühen 2000ern bis 2008 – ich war nur Gelegenheitshörer und meine Eindrücke ersetzen sicher keine Statistik – war, dass die Welle Deutschland als eine Marke verkaufte: wie viele schöne Brunnen es in Aachen gibt, Deutschland aus Studienstandort für Ausländer, seine führenden Industrien, usw.. Ist das für Sie eine nachvollziehbare Wahrnehmung, oder sehen Sie es anders?

A: Es gibt einen kulturellen Ansatz im Hinblick auf die Aufgabe der DW, Deutschland in der Welt zu präsentieren. Dennoch ist Politik, sei es internationale oder inländische, seit jeher in der DW-Berichterstattung dominant. Allerdings, so weit es das chinesische Programm betrifft, so hat es seit der zweiten Hälfte des Jahres 2008 in der Tat dramatische Veränderungen gegeben. Die Trennlinie war die sogenannte “Kampagne gegen Zhang Danhong”. Der offene Brief von mir und drei weiteren ehemaligen Kollegen hat erklärt, wie und warum dies geschehen konnte.

Zum Ende des Jahres 2008, als das chinesische Programm mehr und mehr verengt und pauschalkritisch in seiner Berichterstattung über China wurde, schrieben viele Hörer und Online-User Briefe an die öffentliche Email-Box des chinesischen Programms. Sie beschwerten sich über den “China-Bashing”-Ansatz der Deutschen Welle. Leider wurden diese Zuhörer oder Nutzer als Angehörige der “50-Cent-Partei” (Wu Dang Mao) eingestuft und die E-Mail-Box für Leserkommentare wurde einfach offline genommen. Die internen Statistiken zeigen, dass die Online-Besuche des chinesischen Programms seit Anfang des Jahres 2009 drastisch gesunken sind,und zwar in dem Maße, dass das chinesische Programm fast nicht relevant für die internationale Berichterstattung über China erscheint. Die Deutsche Welle würde behaupten, dass für diese Tendenz allein die Tatsache verantwortlich sei, dass Webseite des chinesischen Programms von der “Great Chinese Firewall” blockiert war. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. In jenen Jahren vor 2008 hatte die chinesische Webseite der Deutschen Welle in China immer wieder mit Blockade zu kämpfen, dennoch hatte die Zahl der Besuche im Bereich von etwa 30.000 bis 70.000 gelegen, und in der Spitze bei rund 10.0000 Besuchern täglich. Seit 2009 haben sich die regelmäßigen täglichen Besuche immer um zwei-oder dreitausend bewegt. Da ich die Deutsche Welle Ende des Jahres 2010 verlassen habe, weiß ich nicht, wie die Statistiken seit Anfang 2011 aussehen.

Ungefähr im August 2010 wurde ich von Frau Woltersdorf gebeten, eine kurze Präsentation für eine Gruppe chinesischer Besucher bei der DW zu geben. Diese Besucher waren junge akademische Fachkräfte und Träger des “Kanzlerstipendiums”, das nur an wenige ausgewählte herausragende jungen Wissenschaftlern vergeben wird. Nach der offiziellen Präsentation sagten die Gäste ganz offen, dass das chinesische Programm mehr und mehr einseitig und radikal werde. Sie glaubten nicht, dass Berichterstattung der Deutsche Welle über China noch objektiv sei. Sie sagten, als junge Wissenschaftler, von denen die meisten in den USA oder Europa studiert haben, haben Sie keinerlei Zweifel an der universellen Gültigkeit der Menschenrechte und an der Notwendigkeit, die Menschenrechtssituation in China zu verbessern. Was sie traurig finden ist der Weg, den die Deutsche Welle eingeschlagen hat, um ihr Ziel zu erreichen.  Sie hatten das Gefühl, dass die Deutsche Welle nur noch eine Plattform für die Stimmen der politischen Dissidenten sei. Tatsächlich ist seit September 2010 eine sehr aktive und bekannte chinesische Dissidentin eine Redakteurin des chinesischen Programms der DW. Wenn Deutsche Welle in ihrer Glaubwürdigkeit unter diesen chinesischen jungen Akademikern massiv angeweifelt wird, von denen man erwartet, dass sie am besten zum wechselseitigen Verständnis zwischen Deutschland und China beitragen können, wie kann die Deutsche Welle noch Hunderte von Millionen aus den öffentlichen Finanzen rechtfertigen?

 Für mich persönlich ist Advocacy-Journalismus nicht das Problem. Es ist ein großes Problem, wenn Sie Advocacy-Journalismus praktizieren, aber gleichzeitig sagen Sie, dass Sie neutral und pluralistisch sind. Ehrlichkeit ist die erste Tugend des Journalismus.  Tragisch ist, dass im Falle der chinesischen Abteilung die Debatte über  Standards des Journalismus nach dem “Zhang Danhong Affäre” nicht mehr offen und auch nur möglich war.

Q: Es ist sicherlich Spekulation darüber nachzudenken, wie die Online-Statistiken des DW-Chinesischauftritts sich entwickeln würden, wenn die Welle den Weg einschlüge, den Sie empfehlen. Aber lassen Sie mich trotzdem mal spekulieren. Nehmen wir an, die DW nimmt diesen Weg: sie tritt für die Menschenrechte ein, wird dabei beim Thema Menschenrechtsverletzungen in China manchmal sehr deutlich, und vielleicht beleidigt auch das viele chinesische Hörer. Wenn meine Vermutungen zutreffen, würde das immer noch eher reduzierten Traffic auf der DW-Website bedeuten. Aber man kann den Traffic nicht zum einzigen Kriterium machen, oder? Besteht nicht die Gefahr, dass man als Sender vom eigenen Weg abkommt, wenn man seine Botschaft so lange abschwächt, bis die Hörer- und Leserschaft  zufrieden ist?

A: Ich liebe diese Frage! Denn das ist die Frage, die wir ehemaligen Online-Kollegen dauernd diskutiert haben! Wir sind in der Regel bereits einen Schritt näher an einer Antwort, wenn wir die Frage aufwerfen. Das Problem der chinesischen Abteilung seit den späteren Monaten des Jahres 2008 war, dass Sie Ihre “political correctness” riskieren, wenn Sie fangen an zu fragen, welcher Ansatz dem Ziel besser dienen würde.

Außerdem denke ich, dass wir den Advocacy-Journalismus und das Eintreten für Menschenrechte voneinander unterscheiden müssen. Wenn ich sage, dass ich kein Fan von Advocacy-Journalismus bin, bedeutet das nicht, dass ich gegen die Förderung von Menschenrechten wäre. Das ist ein großer Unterschied. Es ist vielmehr eine Frage des Weges zum Ziel, nicht das Ziel selber.

Ich zweifle nicht daran, dass DW einen Auftrag hat, für Menschenrechte einzutreten. Das ist  vergleichbar mit der sogenannten wertorientierten Außenpolitik der Bundesregierung. Aber ist es zwangsläufig die Folge, dass man sich nicht mehr um die Website-Besucherzahl kümmert? Zugespitzt frage ich mich, wenn ich null Besucher habe, wie kann ich mich dann noch für meine großen Werte einsetzen ?
Ich denke, hinter der Argumentation steht eine unbewußte, gefährliche Anmaßung, die meint, das das allgemeine chinesische Publikum gegen die Menschenrechte sei, und dass dieses Publikum weglaufen oder sich beleidigt fühlen würde, wenn man die Menschenrechtssituation in China kritisiert.

Ich selbst unterhalte ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber jeder statistischen Zahl, zumal das Internet in China zensiert wird. Was ich absurd finde ist, dass man gezielt auf Null-Traffic hinarbeitet. Das ist etwas, was ich spaßeshalber das “Persische Paradox” nenne. Ein Kollege erzählte mir,wie die persischsprachige Abteilung der DW auf solche Fragen reagiert hat.

Das DW-Management selbst legt eigentlich viel mehr Wert auf Website-Statistik als die normalen Redakteure. Jedenfalls ist keine Abteilung kritisiert worden, wenn Web-Traffic stieg. Das persische Online-Angebot war ein Nachzügler im Vergleich zu anderen fünf Online-Pilotsprachen, nämlich Deutsch, Englisch, Chinesisch, Russisch und Arabisch. Die persische Abteilung soll sich plausibel rechtfertigen, wenn ihre Besucher-Zahlen andaurnd auf einem sehr niedrigen Niveau liegen. Während der Protest-Welle um 2009 im Iran, erreichte die Besucherzahl das Online-Angebot der persischen Abteilung eine Rekordhöhe. Das gab natürlich Anlass, sich darüber zu freuen. Aber als eines Tages ihre Webseite  im Iran blockiert wurde,  soll ein führender Redaktuer der persischen Abteilung sich sehr erleichtert gefühlt haben, indem er im Haus die „gute Nachricht“ ausrief: “Wir sind nun auch blockiert!”

 Ich kann nicht sagen, ob die Geschichte wahr ist. Ich glaube aber, diese Anekdote, selbst wenn sie nur Fiktion sein sollte, das Dilemma oder Paradox der DW am besten veranschaulicht. Ich vermute, die Logik dahinter wäre: Wenn Sie noch nicht blockiert sind, sind Sie nicht ausreichend politisch korrekt. Die obligatorische logische Schlussfolgerung aus dieser Haltung ist deutlich: Die DW kann ihre moralische Unfehlbarkeit durch Null-Traffic aus ihren Ziel-Ländern besser beweisen. Ist das nicht eine neue Form der Mentalität des Kalten Krieges? Soll DW sich mit einem Monolog begnügen?

Ich sage nicht, dass ich habe eine bessere Lösung zu diesem Zielkonflikt parat habe. Was ich vermisst habe ist eine Unternehmenskultur, die solche Diskussionen fördert. Leider war das Gegenteil bei der DW der Fall. Es ist allzu leicht, faul und selbsttäuschend, sich mit den Menschenrechte-Floskeln zurückzulehnen und zu behaupten: Seht her, wir sind von der chinesischen Regierung blockiert und deshalb sind wir sehr erfolgreich!

Man muss aber nicht unbedingt blockiert sein, um die Menschenrechte zu fördern. Und auch wenn Sie gerade wegen Ihrer Förderung der Menschenrechte blockiert sind, haben Sie trotzdem noch viele Möglichkeiten, um Ihre Zielgruppe zu erreichen. Und diese Zielgruppe selbst ist nicht gegen Menschenrechte.

Q: Die Presseberichterstattung über China wurde um 2008 sehr viel kritischer, mit einigen Tiefpunkten – ich erinnere mich an dieses Titelbild beim “Spiegel”, im August 2007. Haben Sie vorher schon so etwas wie einen kalten Wind gefühlt? Wenn ja, inwiefern? Und erhielt die China-Redaktion der Welle Protestbriefe von chinesischen Dissidenten, oder anderen? Hatten die Unterzeichner des damaligen offenen Briefes an den Deutschen Bundestag – er datierte vom 9. September 2008 – die Deutsche Welle, bevor sie an das Parlament schrieben, oder wussten Sie von solchen Kontakten mit Ihrer Redaktion oder dem Management?

A: Als Journalist verfolge ich die deutsche Berichterstattung über China regelmäßig, und ich war nicht überrascht, dass sie kritischer wurde. In der Mainstream-Presse in Deutschland wird China entweder als brutaler Verletzer der Menschenrechte oder als ein neuer, schnell aufsteigender wirtschaftlicher Riese angesehen. Meiner Meinung nach ist es vielen deutschen Feldkorrespondenten in China nicht ganz gelungen, die Umwandlung in China wirklich zu verstehen. Es könnte viele Gründe dafür geben. Aber eins ist wahr: Man kann China als Ganzes nicht verstehen, wenn man sich die Dinge zwischen den beiden extremen Polen nicht genau anschaut.

Da das Deutsche Welle Management in der Regel, zumindest so weit es sich um das Chinesischprogramm handelt, nicht offen und transparent im Umgang mit Kritikern jeglicher Art ist, weiß ich nicht, ob sie Protestbriefe vor und während der erhitzten Kampagne gegen Frau Zhang Danhong erhalten hatte. Ich schätze, sie haben welche erhalten. Aber ich war über den offenen Brief an den Deutschen Bundestag durch einige chinesische Dissidenten in Deutschland informiert.

Soweit ich weiß, haben sie nicht versucht, sich zuerst an das Deutsche Welle-Management zu wenden. Wenn ich mich nicht irre, haben sie zwei offene Briefe geschrieben, wobei letzterer direkt an den Deutschen Bundestag ging. Als der erste offene Brief  öffentlich wurde, rief ich einen der Unterzeichner sofort an. Da ich ca. 8 Jahre lang der Editor-in-chief einer chinesischen Dissidenten-Zeitung in Deutschland (jetzt die European Chinese Post) gewesen war, kenne ich die meisten dieser Unterzeichner persönlich sehr gut. In diesem mehrstündigen Telefonat habe ich versucht, ausführlich zu erklären, wie das chinesische Programm gearbeitet hat und warum die allgemeine Anklage gegen die Mitarbeiter des chinesischen Programms wegen ihrer angeblichen Nähe zur KP Chinas absolut unsinnig ist. Leider haben sie am nächsten Tag trotzdem einen Offenen Brief an den Bundestag geschickt. Für mich war es vor allem eine große persönliche Enttäuschung.

 Diese kleine Gruppe von Dissidenten mag es offenbar, andere Mitmenschen als  Kommunisten zu bezeichnen. Weil sie sich selbst nicht einigen konnten, wer die Gruppe bei einer  Anhörung über das chinesische Programm im Bundestag vertreten solle, hat ein Unterzeichner  im Internet, einem anderen als “sechste Kolonne KP Chinas“ gebrandmarkt, und der eine schlug dem anderen ins Gesicht, als sie einander später während der Buchmesse in Frankfurt 2010 begegneten!

Q: Eine Untersuchung sprach die China-Redaktion von den im offenen Brief von 2008 gemachten Vorwürfen frei, verwarf die Vorwürfe und kritisierte den Intendanten der Deutschen Welle, Erik Bettermann, er habe mit der Suspendierung Zhang Danhongs voreilig gehandelt.
Sie schrieben wiederum in Ihrem offenen Brief, das Zhang Danhong im Grunde Chinas Menschenrechtsbilanz in einer ähnlichen Weise bewertet habe wie zuvor Georg Blume von der “Zeit” – das mag sich auf diesen Artikel Blumes beziehen.
Aber im Deutschlandfunk schien Zhang im August 2008 die Zensur von Webseiten wie Free Tibet oder der Falun Gong mit der Zensur der Rechtsextremen oder von Kinderpornographie in Deutschland zu vergleichen. Das war krass, oder? Beeinflusste das die Entscheidung, Zhang Danhong von der Arbeit am Mikrofon zu suspendieren, oder kam diese Beschuldigung später, als eine nachträgliche Fehlersuche, um die Entscheidung im Nachhinein zu begründen?

A: Die Zensur in China ist sicherlich eine ganz andere Dimension als das Verbot gegen Rechtextremisten oder Kinderpornographie. Ich glaube nicht, dass Frau Zhang Danhong Internetzensur in China legitimieren wollte. In all den Jahren der Zusammenarbeit mit ihr und in all den Interviews, die ihr  Ärger verursacht haben, habe ich noch nie gehört oder gelesen, dass sie Zensur in China befürwortete oder beschönigte.

Es ist nicht fair, einen Satz aus dem ganzen Kontext herauszunehmen, in dem Frau Zhang Danhong diese Aussagen machte. Unter jenen besonderen Umstände der Olympischen Spiele in Peking 2008, während die westliche Mainstream-Berichterstattung China undifferenziert, verallgemeinernd und vereinfachend mit Kritik überschüttete, versuchte eine Journalistin wie Frau Zhang Danhong instinktiv, mit ihrem chinesischen Hintergrund, ihrem Wissen und ihrer Sachkenntnis, ihre viel differenzierte Beurteilung zu geben. In gewisser Weise war sie “gezwungen”, in die Rolle der Verteidigung Chinas zu schlüpfen, obwohl sie überhaupt keine derartige Absicht hatte. Im Übrigen schien die westliche Presse oft eine einfache Tatsache übersehen zu haben: “die kleinen Leute” wollten die Olympischen Spiele, und sie sind nicht die chinesische Regierung.

Schließlich bleibt die Tatsache, dass Frau Zhang Danhong wegen ihrer Meinung bestraft wurde, und das geschah in einer Demokratie und in einer frei-demokratisch verfassten Medieninstitution, die der Welt erklärt, dass Meinungsfreiheit ein integraler Bestandteil der Menschenrechte ist.

Q: Zur Klärung – wenn Sie sagen, dass Frau Zhang “gezwungen” war, die Rolle der Verteidigerin Chinas oder seiner Regierung zu spielen: meinen Sie damit, dass die anderen Gäste der Talkshow genau die umgekehrte Rolle einnahmen, nämlich China zu kritisieren?

A: Später hat Frau Zhang Danhong einigen unserer Kollegen erzählte, wie sie sich bei diesen Talkshows gefühlt hat.  Ich konnte mich an ihre erste TV-Talk-Show bei Maybrit Illner erinnern, wo sie mit einem deutschen Schauspieler, der sehr polemisch China verurteilte, konfrontiert war. Ich bin noch nie in solchen Talkshows gewesen, aber ich kann mir vorstellen, wie schwierig es sein könnte, sich in einer fremden Sprache unverkennbar und perfekt vor Millionen von Zuschauern zu äußern.

Q: Der Untersuchungsbericht Ulrich Wickerts wurde von der Deutschen Welle nicht veröffentlicht. Was davon bekannt ist, wurde durch die “Süddeutsche Zeitung” im März 2009 veröffentlicht, und was von seinem Inhalt bekannt ist, wurde nur bekannt, weil ein Journalist der Süddeutschen dem nachging. Kennen Sie Details des Berichts, die von der Süddeutschen nicht veröffentlicht wurden?

A: Wenn man bedenkt, wie tiefgreifend die Auswirkungen der so genannten “Zhang Danhong Affäre” auf die chinesische öffentliche Wahrnehmung der Deutschen Welle – und in gewissem Umfang auch der China-Politik –Deutschlands hat, ist es merkwürdig, dass der Wickert-Bericht von der Geschäftsführung der Deutschen Welle als ein höchst vertrauliches Dokument behandelt wurde. Trotz der Tatsache, dass jeder Journalist der Deutschen Welle sehr betroffen war und den berechtigten Anspruch haben sollte, über das, was Herr Wickert über Frau Zhang Danhong und ihre chinesischen Kollegen sagte, informiert zu sein, hatte niemand je die Gelegenheit, das Papier zu sehen. Glücklicherweise bekam ich dieses Papier direkt vom Wickerts Büro. Herr Wickert hat in der Tat den Ruf der chinesischen Mitarbeiter “rehabilitiert”, die von einigen sogenannten chinesischen Dissidenten diffamiert wurden. Herr Wickert bescheinigt, dass die mehrere tausend Artikel, die er untersucht hat, den hohen professionellen Standards entsprechen. Er machte auch eine sehr klare Aussage, dass das DW-Management Frau Zhang Danhong ungerecht behandelt hat. Ich vermute, das ist der Grund, warum dieses Papier bis heute geheim gehalten wird.

Q: Laut Ihrem offenen Brief vom April 2011 verwarf DW-Intendant Bettermann Forderungen, dass die Arbeit der China-Redaktion von Spezialisten begutachtet werden solle, die von den anerkannten Menschenrechtsorganisationen zu bestimmen seien – entsprach diesen Forderungen aber faktisch. Sie beziehen sich in Ihrem offenen Brief auf einen Sinologen, Jörg M. Rudolph, der Ihre Arbeit ein halbes Jahr lang überwachte; zunächst geheim, dann offen, aber ohne offene Kriterien, oder welchen, die der Redaktion bekannt gewesen wären, über die Zeit bis April letzten Jahres. Das Kriterium für ihn, soweit erkennbar, ist die Frage, inwieweit ein Artikel “KPChina-freundlich” ist, oder auch nicht. Ihrem offenen Brief zufolge sprach die kommissarische Leiterin der China-Redaktion zur damaligen Zeit kein Chinesisch, und die dauerhafte Managerin, die sie im Dezember 2009 ablöste, sei nicht in der Lage, sich in Wort oder Schrift auf Chinesisch mit den Mitarbeitern “angemessen zu verständigen” – überwacht (oder überwachte) Herr Rudolph die China-Redaktion für sie? Wissen Sie, ob er noch dort arbeitet? Können Sie berichten, wie sie auf die Existenz des Monitors aufmerksam wurden, und wie Sie miteinander umgingen?

A: Niemand weiß, ob Herr Rudolph noch das journalistische Angebot der chinesischen Abteilung überwacht. Herr Rudolph hat diese Aufgabe vermutlich am Ende des Jahres 2008 übernommen und sie bis mindestens April 2011 ausgeübt. Das Management hat uns nie in einer direkten, offenen, ehrlichen und transparenten Weise gesagt, in welchem ​​Umfang, zu welchem ​​Zweck und für wen Herr Rudolph im Rahmen seiner Überwachungstätigkeit arbeitet. Es ist nicht ehrlich zu sagen, dass Herr Rudolph nur dazu da sei, der Abteilungsleitung sprachlich zu helfen.

 Als Frau Adrienne Woltersdorf den Manager Postion im Dezember 2009 übernahm und mehr Transparenz und Professionalität versprach, gab es keinen Vorwand mehr, die Monitor-Berichte noch geheim zu halten. Für einen kurzen Zeitraum von etwa zwei Monaten wurde der Tagesbericht vom Monitor an jedes Mitglied der chinesischen Abteilung per Email weitergeleitet. Diese verfügbaren Berichte zeigten, was die wirkliche Rolle dieser Monitor war. Er hat sehr oft bestimmte Artikel oder Beiträge als “KP-freundlich” eingestuft und kritisierte die Autoren als zu sehr durch das kommunistische System sozialisiert.

Zum Beispiel: In einem Kommentar zu meinem Bericht darüber, wie Chinesen zu Zielen von “Neo-Nazi”-Attacken in der mongolischen Republik wurden, schrieb Herr Rudolph, Mitarbeiter, der in China sozialisiert wurden, sollten in der Regel nicht Themen rund um ethnische Konflikte behandeln. Ich habe diesen Bericht zuerst in chinesischer Sprache geschrieben und weil andere Sprachabteilungen Interesse an diesem Artikel zeigten, habe ich auf Bitte von Frau Woltersdorf das Stück auf Deutsch umgeschrieben. Bevor die deutsche Version fertig war, landete das oben genannte Urteil von Herrn Rudolph bei Frau Woltersdorf. Sie hielt dann meinen Bericht zurück, anstatt ihn an das zentrale Programm weiterzugeben. Einige Tage später schickte ich meinen Artikel direkt an die Redaktion des zentralen Programms und der dort zuständige Redakteur veröffentlichte ihn umgehend. Der Redakteur rief mich dann mich persönlich an und gratulierte mir zu der guten Qualitiät des Artikels.

Die Existenz eines Monitors habe ich erstmals Anfang Januar 2009 unbestätigt vermutet, als ein von mir bearbeitetes Bild zu einem Artikel offline genommen wurde. Das Bild zeigt Kanzlerin Merkel und chinesischen Premier Wen Jiabao mit unterschiedlich schnellen Schritten bei einer staatlichen Begrüßungszeremonie. Meine Überschrift lautete: Wann können Deutschland und China im gleichen Tempo laufen? Das Bild verschwand ohne meine Zustimmung, und es war eine ungewöhnliche Praxis für mich. Später fand ich heraus, dass Frau Golte-Schröder, kommissarische Leiterin der chinesischen Abteilung, das so angeordnet hatte. Zuerst dachte ich, es könnte einige Kollegen sein, die die Sache heimlich bei Frau Golte-Schröder gemeldet hätten, denn zu dieser Zeit und danach war es ganz üblich in der China-Redaktion, dass Kollegen sich gegenseitig bei Vorgesetzten “denunzierten”.  (Auf Chinesisch würde es heißen: Da Xiao Bao Gao / 打小报告).  Wenig später sagte Frau Golte-Schröder mir, dass eine dritte Person von außerhalb ihr gesagt habe, dass dieses Bild politisch nicht korrekt war(!). Ich fragte wer diese “dritte Person” sei und bekam keine weitere Antwort. Mehrere Monate später, als Frau Golte-Schröder in einer Redaktionskonferenz ihre Wertschätzung für Transparenz ausdrückte, fragte ich sie, ob sie uns sagen wolle, wer dieser” dritte Person” sei. Sie hatte keine andere Wahl als die Existenz eines Monitors zuzugeben.

Es gab keinen direkten Austausch zwischen dem Monitor und uns überwachten Redakteuren. Ein einziges persönliches Treffen geschah gegen Ende 2009, als Herr Rudolph sich in der chinesischen Abteilung zeigte und sich mit Kollegen der Redation für etwa 15 Minuten unterhielt.

Laut Aussage des DW-Managements soll Frau Woltersdorf, die neue Leiterin der chinesischen Abteilung, umfassende Kenntnisse der chinesischen Sprache haben. Daher sollte es keinen Grund für die Notwendigkeit dieses Monitors geben. Aber Herr Ruldoph hat offenbar Frau Wolterdorf überlebt. Frau Woltersdorf wurde gezwungen (offiziell spricht man von einer freiwilligen Entscheidung, was aber kaum wahr sein kann), die chinesische Abteilung im Juli 2011 zu verlassen, aber wahrscheinlich ist Herr Ruldolph immer noch dort.

 Q: Sie hat die Deutsche Welle verlassen? Definitiv?

A: Frau Woltersdorf hat die DW definitiv verlassen. Der neue Chef ist der alte – Herr Matthias von Hein, der seit Januar 2012 die Leitung wieder übernommen hat. Wie und warum dies geschehen konnte, war buchstäblich ein Thriller im wirklichen Leben. Ich kann dazu nur sagen, dass es eine Kombination aus Komödie und Tragödie war.

Q: Als Sie Ihre Kündigung erhielten, welche Gründe nannte die Deutsche Welle dafür? Und wie unterschieden sich die anfänglichen und späteren Gründe voneinander?

A: In einem Gespräch im Juli 2010 erzählte Frau Woltersdorf mir, dass sie zwei Nachrichten für mich habe, also eine gute und eine schlechte. Ich bat sie, mit der schlechten zu beginnen. Sie sagte mir, dass mein Arbeitsvertrag als Festangestellter nach Auslauf des Fristes zum Ende des Jahres 2010 nicht verlängert werden solle. Die gute Nachricht: dass ich ein vollwertiges Mitglied des chinesischen Programms bleibe, weil mir ein Honorarrahmenvertrag im Anschluß angeboten werde.  “Sie sollten nicht traurig sein, weil Sie noch mehr Geld verdienen werden”, sagte mir Frau Woltersdorf. Sie erzählte, sie habe gerade persönlich mit Herrn Gramsch, Programm-Direktor der Deutschen Welle gesprochen, und er hatte beschlossen,dass wegen der Budget-Kürzung das chinesische Programm eine permanente Postition wegfallen solle.

“Es ist schade, dass Sie der Erste sind, dessen Vertrag in dieser schwierigen Zeit ausläuft.” Natürlich war ich nicht glücklich mit dieser Lösung und fing an mich zu wehren.  Ich habe Gespräche mit dem Personalrat und dem Programmdirektor gesucht. Das Gespräch mit Herrn Gramsch, Programmdirektor der DW sollte persönlich und vertraulich sein, aber es lief ab wie ein Verhör. Zur meiner Überaschung war auch Frau Golte-Schröder anwesend, die Leiterin der Asienhauptabteilung,  also meine Gegenpartei . Das Deutsche Welle Management hat offensichtlich kein Interesse zu hören, was da eigentlich in der chinesischen Abteilung geschehen ist.

Von dieser Zeit an begann das DW-Management eine Reihe von Vorwänden zu erfinden, um die Entscheidung ex post zu rechtfertigen. Frau Woltersdorf weigerte sich sogar , das Gesprächsprotokoll zwischen uns zu unterzeichnen.  Im Dezember 2010, als ich noch glaubte, ich könnte zumindest weiterhin als freier Mitarbeiter arbeiten, sagte Frau Woltersdorf mir, dass ich gefeuert sei, mit Wirkung zum Ende des Jahres 2010.  Der Grund? Frau Wolterdorf sagte zu mir: “Wenn Sie nicht wieder mit einem Gesprächsprotokoll zu mir kommen, dann sage ich Ihnen die Wahrheit: Weil Sie den ganzen Krach im Haus gemacht haben! “

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Deutsche Welle verlassen habe, hat keiner vom Management mir persönlich oder schriftlich einen anderen Grund außer der Budgetkürzung genannt. Es mag wahr sein, dass die Deutsche Welle als Ganzes ein kleineres Budget erhalten sollte, aber das Budget für das chinesische Programm ist bisher stabil geblieben, wenn nicht sogar erhöht. Später im Prozess vor dem Arbeitsgericht hat die DW versucht, Gründe nachzuschieben, die in sich widersprüchlich sind. Zum Beispiel behauptete die Deutschen Welle vor Arbeitsgericht Bonn, dass ich nicht sprechen könne. Als ich mit einem CD mit von mir gesprochenen Radiosendungen die Behauptung entkräftete, behauptete die Deutsche Welle dieses Mal in ihrer schriftlichen Antwort auf die Berufungsklage beim Landesarbeitsgericht Köln, dass ich nicht live moderieren könne. Ich vermute, die DW will demnächst behaupten, dass ich nicht vor Mikrofon singen kann. Auch wenn ich beweisen sollte, dass ich doch singen kann, würde DW immer noch sagen können, dass ich noch nicht wie Placido Domingo singe.

 Q: Folgte das Arbeitsgericht den Gründen der DW, oder nannte sie andere Gründe dafür, die Entscheidung der Welle zu bestätigen?

A: Für mich war es erstaunlich, dass die Richterin beim Arbeitsgericht Bonn gar nicht auf tatsächliche Argumente eingehen und den Hintergrund des Streites berücksichtigen wollte.  Die Richterin sagte, selbst wenn das Budget nicht gekürzt würde, und auch wenn ich der beste Kandidat für diesen Job wäre, habe die Deutsche Welle immer noch die Freiheit, das Arbeitsverhältnis mit mir auf diese Weise zu beenden. Diese Freiheit ist die sogenannte “Rundfunkfreiheit”. Dies ist eine Freiheit, bei der ich als gelernter Politologe große Schwierigkeiten habe, sie zu verstehen. Ich zweifle zumindest, ob die Rundfunkfreiheit sich so weit deuten lässt, dass diese verfassungsrechtlich einen Vorrang hat vor den individuellen Grundrechten hätte. Deshalb bin ich jetzt in die Berufung gegangen. [Update: die Verhandlung findet nach einer Verschiebung am 13.02.2012 statt].

Q: Haben Sie seitdem wieder Arbeit als Journalist gefunden, Voll- oder Teilzeit? Und wenn es in Ordnung ist zu fragen, welche Gefühle haben Sie hinsichtlich der vergangenen drei Jahre?

A: Bis heute bin ich immer auf der Suche nach einem neuen Job. Menschen in meinem Alter (47) haben nicht allzuviele Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ich habe Hunderte von Bewerbungsschreiben verschickt, aber bisher habe ich nicht eine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Der Umgang mit der Agentur für Arbeit war eine frustrierende Erfahrung für mich. Ich habe den Eindruck, dass man nicht viel Respekt und Würde von solchen sozialen Insitutionen erwarten kann. Ich möchte nicht ins Detail gehen, weil es sehr weh tun würde.

Diese zwei Jahre von 2009 bis 2010 waren eine Qual für mich und für einige meiner ehemaligen Kollegen, die nicht die professionellen Standards aufgeben wollten. Ob Sie es glauben oder nicht, es herrschte es in den vergangenen drei Jahren in der chinesischen Abteilung ein Zustand der Angst. Die tägliche Redaktionssitzung morgens hat sich eine Zeitlang zu einer Art Ritual entwickelt, wo einige Kollegen versuchten ihre politische Korrektheit zu Schau zu stellen.  Für mich war es fast eine Beleidigung zu erleben, wie Menschen aus Angst vor Jobverlust große Töne spucken oder einfach die Realität verleugnen!

Es klingt wie ein schlechter Witz, aber es ist wahr: In den zwei Jahren nach 2008, als ich noch in der chinesischen Abteilung war, machte ich die Beobachtung, dass Kollegen sich mehrere Male unschauten, bevor sie es wagten, ihre wirkliche Meinung zu sagen. Das tägliche Mittagessen war eine Art Politikum, denn wer mit wem gemeinsam in die Betriebskantine geht, könnte schon als eine Frage der Allianz interpretiert werden. Eine Kollegin ging einmal zum Mittagessen zusammen mit mir und nach dem Mittagessen bat  sie mich, nicht mit ihr zusammen ins Büro zurückzukehren. Sie wollte den Eindruck vermeiden, dass sie mit einer Person, die beim Chef in Ungenade gefallen war, verbündet sei. Selbst in dem letzten Jahr, als ich bereits die Deutschen Welle verlassen hatte, rief mich eine ehemaliger Kollegin  an und bat mich am Ende des Gesprächs, anderen Leuten nicht zu sagen, daß sie mich angerufen hatte.

Was ist mit der chinesischen Abteilung von der DW passiert ist, ist in erster Linie eine menschliche Tragödie.

Q: Wie hat sich die Arbeit der China-Redaktion seit 2008 verändert? Und – wenn Sie die Programme noch hören oder lesen – haben Sie Veränderungen wahrgenommen, seit Sie gehen mussten?

A: Wie ich oben dargestellt habe, hat das chinesische Programm seit Ende 2008 nicht nur gegen die chinesische Regierung gearbeitet hat (Dagegen ist nichts einzuwenden, und das ist auch legitim), sondern leider auch gegen die Mehrheit seiner Zielgruppe. Sofern Sie nicht das chinesische Volk mit der chinesischen Regierung oder KP Chinas gleichsetzen wollen , würden Sie als ein Journalist mit hohem professionellen Anspruch diesen Trend als eine Tragödie der Deutschen Welle sehen. Heute sehen die meisten normalen Chinesen aus meinem persönlichen Bekanntenkreis in der Deutschen Welle China-Bashing-Propaganda aus dem Westen. Das ist ein Ruf, den die Deutsche Welle nicht verdient oder nicht verdienen sollte.

 Q: Herr Wang, vielen Dank für dieses Interview.

One Trackback to “Archive: Interview with Wang Fengbo, German Translation”

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 40 other followers