Heimatgefühl, and the Venture into the Public Realm

My following translation will very probably contain errors.

A: [...] If you want me to be frank, I have to say that I’m not interested in the effects when I’m working. (Wenn ich ganz ehrlich sprechen soll, dann muß ich sagen: Wenn ich arbeite, bin ich an Wirkung nicht interessiert.)

Q: And once the work has been completed? (Und wenn die Arbeit fertig ist?)

A: Well, then I have finished with it. You see, what matters to me is this: I need to understand. Writing is part of understanding. Writing belongs in this process of understanding things. (Ja, dann bin ich damit fertig. Wissen Sie, wesentlich ist für mich: Ich muß verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist Teil in dem Verstehensprozeß.)

Q: Writing serves your own, further cognition? (Wenn Sie schreiben, so dient es Ihrem eigenen, weiteren Erkennen?)

A: Yes, because now, certain things have been determined. If we had great memory, so that we really kept all our reasoning in mind: I doubt that, because I’m aware of my own laziness, I’d have jotted down everything. What matters to me is the thinking process itself. When I’ve got that, I’m, personally, quite satisfied. When I succeed in expressing this adequately in writing, I’m once again satisfied. – Now, you asked about effects. That’s – if I may be tongue-in-cheek – a male question. Men badly want to be effective, but I’m kind of looking at it from outside. To be effective myself? No, I want to understand. And when other people understand, in the same sense as I did, that gives me satisfaction, like a sense of home. (Ja, weil jetzt bestimmte Dinge festgelegt sind. Nehmen wir an, man hätte ein sehr gutes Gedächtnis, so daß man wirklich alles behält, was man denkt: Ich zweifle sehr daran, da ich meine Faulheit kenne, daß ich irgend etwas notiert hätte. Worauf es mir ankommt, ist der Denkprozeß selber. Wenn ich das habe, bin ich persönlich ganz zufrieden. Wenn es mir dann gelingt, es im Schreiben adäquat auszudrücken, bin ich auch wieder zufrieden. – Jetzt fragen Sie nach der Wirkung. Es ist das – wenn ich ironisch werden darf – eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinne, wie ich verstanden habe – dann gibt mir das eine Befriedigung, wie ein Heimatgefühl.)

[...]

A: My father died early. It all sounds very funny. My grandfather was the liberal congregation’s president and city councillor in Königsberg. I’m from an old Königsberger family. Still – the word “jew” was never mentioned at home, when I was a small child. I was confronted with it by antisemitic remarks – no use in mentioning them – from children in the street. That’s how I became informed, so to speak. (Mein Vater war früh gestorben. Es klingt alles sehr komisch. Mein Großvater war Präsident der liberalen Gemeinde und Stadtverordneter von Königsberg. Ich komme aus einer alten Königsberger Familie. Trotzdem – das Wort “Jude” ist bei uns nie gefallen, als ich ein kleines Kind war. Es wurde mir zum erstenmal entgegengebracht durch antisemitische Bemerkungen – es lohnt sich nicht zu erzählen – von Kindern auf der Straße. Daraufhin wurde ich also sozusagen “aufgeklärt”.)

Q: Was that a shock? (War das für Sie ein Schock?)

A: No. (Nein.)

[...]

A: I for one don’t think that I ever felt that I was German, in the sense of ethnicity, not in terms of statehood, if I may distinguish the two. I remember discussions around 1930 about that, with [Karl Jaspers], for example. He said, “of course you are German!” I said: “It’s plain that I’m not!” But to me, it didn’t matter. It didn’t spell inferiority to me. Precisely not. And if I may come back to what was special about my family: you see, all Jewish children were confronted with antisemitism. It poisoned the souls of many children. The difference was that my mother always maintained that you must not duck your head. You need to defend yourself. (Ich, zum Beispiel, glaube nicht, daß ich mich je als Deutsche – im Sinne der Volkszugehörigkeit, nicht der Staatsangehörigkeit, wenn ich mal den Unterschied machen darf – betrachtet habe. Ich besinne mich darauf, daß ich so um das Jahr ‘30 herum Diskussionen darüber zum Beispiel mit Jaspers hatte. Er sagte: “Natürlich sind Sie Deutsche!” Ich sagte: “Das sieht man doch, ich bin keine!” Das hat aber für mich keine Rolle gespielt. Ich habe das nicht etwa als Minderwertigkeit empfunden. Das gerade war nicht der Fall. Und wenn ich noch einmal auf das Besondere meines Elternhauses zurückkommen darf: Sehen Sie, der Antisemitismus ist allen jüdischen Kindern begegnet. Und er hat die Seelen vieler Kinder vergiftet. Der Unterschied bei uns war, daß meine Mutter immer auf dem Standpunkt stand: Man darf sich nicht ducken! Man muß sich wehren!)

[...]

Q [quoting Arendt]: “I have never, in all my life, loved a collective, neither the German, the French, nor the American, nor the working class, or whatever else may be there. Indeed, I only love my friends, and am completely uncapable of any other love. But above all, being Jewish myself, I would find this love dubious if it was love to the Jewish.” [...] Aren’t you afraid that your attitude could be politically barren? (Darin heißt es: “Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt, weder das deutsche, noch das französische, noch das amerikanische, noch etwa die Arbeiterklasse oder was es sonst so noch gibt. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig. Vor allem aber wäre mir diese Liebe zu den Juden, da ich selbst jüdisch bin, suspekt.” [...] Fürchten Sie nicht, daß Ihre Haltung politisch steril sein könnte?)

A: No, I think the other [attitude] is politically barren. To belong to a group is natural. You always belong to a group, by birth, always. But to belong to a group as you meant it in a second sense, that is to say, to organize – that’s completely different. This kind of organizing always happens by Weltbezug. That is, what those who organize have in common, which is usually called interests. The immediate personal relation, when you can talk about love, does exist, of course, in real love, in its greatest way, and in a certain sense, it exists in friendship. That’s when a person is reached in an immediate way, and independently from Weltbezug. That’s how people who belong to most different organizations may still be friends. But if you confuse these things, if you take them to the negotiation table – to put it in a very mean way -, I believe that’s fatal. (Nein. Ich würde sagen, die andere ist politisch steril. Zu einer Gruppe zu gehören, ist erst einmal eine natürliche Gegebenheit. Sie gehören zu irgendeiner Gruppe durch Geburt, immer. Aber zu einer Gruppe zu gehören, wie Sie es im zweiten Sinne meinen, nämlich sich zu organisieren, das ist etwas ganz anderes. Diese Organisation erfolgt immer unter Weltbezug. Das heißt: Das, was diejenigen miteinander gemeinsam haben, die sich so organisieren, ist, was man gewöhnlich Interessen nennt. Der direkte personale Bezug, in dem man von Liebe sprechen kann, der existiert natürlich in der wirklichen Liebe in der größten Weise, und er existiert in einem gewissen Sinne auch in der Freundschaft. Da wird die Person direkt und unabhängig von dem Weltbezug angesprochen. So können Leute verschiedenster Organisationen immer noch persönlich befreundet sein. Wenn man aber diese Dinge miteinander verwechselt, wenn man also die Liebe an den Verhandlungstisch bringt, um mich einmal ganz böse auszudrücken, so halte ich das für ein sehr großes Verhängnis.)

Q: [...] In a speech on Karl Jaspers you said that “humanity is  never won in loneliness and never by handing ones work over to the public. Only if you take your life and person[ality] into the venture of the public realm, you will reach [humanity].” This “venture into the public realm”, a Jaspers quote again, in which way does it exist for Hannah Arendt? (In einer Festrede auf Jaspers haben Sie gesagt: “Gewonnen wird die Humanität nie in der Einsamkeit und nie dadurch, daß einer sein Werk der Öffentlichkeit übergibt. Nur wer sein Leben und seine Person mit in das Wagnis der Öffentlichkeit nimmt, kann sie erreichen.” Dieses “Wagnis der Öffentlichkeit”, ein Zitat von Jaspers wiederum – worin besteht es für Hannah Arendt?)

A: The venture into the public realm appears to be clear to me. You expose yourself in the light of the public, as a person. While I believe that one must not appear publicly and act publicly in a self-conscious way, I still know that all action expresses the person like no other activity. And speaking, too, is a way of action. That’s one thing. The second venture: we commence something, we add our thread into a web of relationships. We never know how it will evolve. We all need to say, Lord, forgive them what they do, because they don’t know what they do. That’s true for all action. Quite practically, because you can’t know. That’s a venture. And I would say that this venture can only be taken as you rely on the human beings. That’s to say, in a – hard to grasp, but basic – trust in the humaneness in all human beings. You can’t do that in another way. (Das Wagnis der Öffentlichkeit scheint mir klar zu sein. Man exponiert sich im Lichte der Öffentlichkeit, und zwar als Person. Wenn ich auch der Meinung bin, daß man nicht auf sich selbst reflektiert in der Öffentlichkeit erscheinen und handeln darf, so weiß ich doch, daß in jedem Handeln die Person in einer Weise zum Ausdruck kommt wie in keiner anderen Tätigkeit. Wobei das Sprechen auch eine Form des Handelns ist. Also das ist das eine. Das zweite Wagnis ist: Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Wir sind alle darauf angewiesen zu sagen: Herr vergib ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das gilt für alles Handeln. Einfach ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, daß dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem – schwer genau zu fassenden, aber grundsätzlichen – Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht.)

Hannah Arendt in a television interview, in October 1964

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